Flitterjahr Liane & Florian

Wo stecken die beiden eigentlich gerade?

Zwei Stangen Dynamit und ’ne Cola bitte!

5. Oktober 2011 | Allgemein, Bolivien

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Am Busbahnhof schließen wir uns drei Franzosen an, die eine Hostel-Empfehlung haben, das „Koala Den“. Es ist ganz schön weit weg und außerdem geht es ziemlich bergauf. Durch die dünne Luft auf 4000 m fällt uns das Atmen schwer und wir sind völlig am Ende als wir dort ankommen. Aber es lohnt sich! Das Hostel ist nett und sauber, relativ günstig und liegt zentral. Mittlerweile ist es dunkel und wir gehen noch im Restaurant „El Meson“ essen. Hier gibt es ein leckeres „Pique Macho“, das ist ein typisch bolivianisches Essen, bestehend aus: Rindfleisch, Hühnchen, pikanter Wurst, Zwiebeln, Tomaten, serviert auf Pommes Frites in einer Biersoße. Und nicht zu vergessen: scharfen Jalapenos obendrauf! Zurück im Hostel buchen wir noch eine Minentour für den nächsten Morgen, sie kostet 10 $ p. P. und ein Teil der Einnahmen geht direkt an die Mineros. Dabei müssen wir gleich noch eine Erklärung unterschreiben, dass wir auf eigene Verantwortung in die Mine gehen. Mitzubringen: Wasser, Kamera und Sinn für Humor!?

Um 8:00 Uhr gibt es ein überraschend gutes Frühstück. Knusprige Brötchen, Butter, Marmelade, Kaffee, Rührei und frisches Obst. So gestärkt sind wir bereit für die Minentour! Wir werden vom Guide Ronald von Koala Tours abgeholt, zusammen mit ca. 20 anderen Gästen aus dem Hostel. Grinsend lässt Ronald uns durchzählen, damit auch wieder gleich viele Leute zurückkommen, von gestern würden immer noch fünf Touris fehlen… Haha. Zuerst erklärt uns Ronald, dass wir keine Touri-Attraktions-Mine besichtigen werden, sondern eine, in der richtige Mineros täglich unter härtesten Bedingungen schuften und in der es keine Sicherheitsvorkehrungen gibt. Er hat selbst für drei Jahre in der Mine gearbeitet. Dann erzählt er uns mehr zur Geschichte Potosís und der Minen. Potosí war früher einmal die reichste Stadt der Welt. Im Jahr 1575 wurde von den spanischen Besatzern im “Cerro Rico” (Reicher Berg) Silber gefunden. Indios und schwarze Sklaven wurden als Zwangsarbeiter in die Minen geschickt, angeblich kamen 8 Mio. von ihnen während der Arbeit im Berg oder durch von den Arbeitsbedingungen ausgelösten Krankheiten um. Von dem Reichtum wurden viele Leute angelockt und so war Potosí noch 1650 die größte Stadt Amerikas. Viel ist davon nicht geblieben, aus der Mine lässt sich nur noch Mineralienstaub holen. Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle, sollte dieser einmal wegbrechen, wird Potosí vermutlich eine gigantische Geisterstadt werden. Aus diesem Grund wurde die Idee den Berg als Ganzes nach und nach abzutragen (was deutlich einfacher und ungefährlicher wäre) wohl auch abgelehnt. Der Berg soll auf jeden Fall als Wahrzeichen der Stadt erhalten bleiben. Laut Experten ist aus dem Berg aber ohnehin nur noch max. 5 Jahre etwas herauszuholen. Seit über 400 Jahren hat sich die primitive Arbeitsweise der Mineros fast nicht geändert. Mittlerweile ist der Berg mit einem Schweizer Käse zu vergleichen, es gibt ca. 5000 Stollen mit insgesamt über 300 Eingängen. Keiner weiß, wie sie genau verlaufen. Abgesichert ist so gut wie nichts. Immer noch arbeiten ca. 6000 Mineros täglich im Berg, darunter bis zu 1000 Kinder im Alter von 8-15 Jahren. Im Schnitt stirbt 1 Minero am Tag, 30% durch Unfälle in der Mine, 70% an den langfristigen gesundheitlichen Schäden (Staublunge). Deshalb hat der Cerro Rico den Beinamen „Der Berg, der Menschen frisst“. Weil es nach jahrelanger Ausbeutung kaum mehr Rohstoffe gibt, hat die staatliche Bergbaugesellschaft die Schürfrechte freigegeben, daher arbeiten die meisten für sich selbst. Oft haben sich Gruppen von 3-40 Mineros zu einer Cooperativa zusammengeschlossen, in der Hoffnung, gemeinsam doch noch eine Ader zu entdecken. Die Lebenserwartung eines Mineros beträgt ca. 40-45 Jahre. Sobald der Vater nicht mehr in der Mine arbeiten kann, müssen die Söhne in die Mine um Geld zu verdienen.

Wir bekommen unsere Schutzausrüstung: Eine Stoffhose und eine Stoffjacke. Einen Helm mit Lampe. Die Batterie wird mit einem Gürtel um die Taille befestigt. Gummistiefel bekommen wir auch noch. Währenddessen taucht Ronald in “spezieller” Kleidung auf: Gummistiefel, Unterhose und Helm. Damit wir uns gleich mal an so einen Anblick gewöhnen, denn bei 40° C haben die Mineros nur das nötigste an, meint er zwinkernd. Alles klar. Dann werden die Gruppen aufgeteilt in „Englisch“ und „Spanisch“, es sind nie mehr als 7 Leute in einer Gruppe. Jede Gruppe hat einen Guide und einen Assistenz-Guide mit dabei. Zuerst müssen wir unserem Team aber einen Namen geben: Wir entscheiden uns für „Explosive Team“. Ronald meint „The spanish teams are now our enemies, we bomb them away with dynamite!“ So ausgestattet fahren wir weiter zum „Miners Market“, dem einzigen Markt weltweit wo JEDER, egal ob Erwachsener oder Kind, Touri oder Einheimischer Dynamit kaufen kann. Außerdem wird hier 96%-iger Alkohol angeboten. Ronald bietet uns einen Flaschendeckel voll an, wir lassen es aber lieber, da wir unsere Geschmacksknospen und Speiseröhre doch noch behalten wollen. Es ist üblich, dass die Touristen hier Geschenke für die Mineros kaufen. Wir kaufen zwei „Completos“, also Dynamit, Zünder und Ammoniumnitrat als Zündverstärker, dazu noch zwei große Flaschen Wasser. Und je einen Mund- und Nasenschutz für uns. Draußen gibt es Stände, wo man getrocknete Coca-Blätter kaufen kann. Außerdem einen „Stein“ dazu, woraus der besteht wollen wir lieber nicht wissen. Sieht aus wie Kreide, aber er verstärkt wohl die Wirkung des Cocas. Es gibt ihn in süß oder salzig. Dann erklärt uns Ronald wie die Coca-Blätter plus ein Stückchen Stein gekaut werden und dann ca. 2-3 h als Ball im Backen bleiben. Er rät uns es zu probieren, da wir dann weniger Probleme mit den Zuständen in der Mine hätten (also Höhe, Luft, Enge). Wir machen einen kleinen Ball und die Wirkung setzt schon bald ein, die Zunge und Bereiche des Backens werden etwas taub. Schmecken tut das aber nicht. Eigentlich ein bisschen bitter, vielleicht vergleichbar mit Schwarztee. Hoffentlich hilft es, denn Florian ist nicht so ganz wohl bei dem Gedanken an die engen Stollen. Dann fahren wir mit dem Bus weiter zu der Verarbeitungsstätte der Mineralien. Ronald zeigt und erklärt uns die verschiedenen Schritte. In den Minen wird mittlerweile hauptsächlich Zinn und Zink abgebaut, es gibt kaum noch Silber. Dann fahren wir weiter den Berg hinauf. Wir folgen Ronald in den Stollen der „Candelaria“, am Anfang ist dieser noch ca. 1 m breit und 2 m hoch. Es führen viele Schläuche in die Mine, allerdings sind diese nur für die Maschinen und nicht zum Belüften! Ab und zu muss man den Kopf einziehen, weil Balken aus der Decke ragen. Nach ca. 400 m machen wir eine Pause und besuchen „ El Tio“, den Schutzpatron der Mine, den die Mineros immer freitags zum Arbeitsende in einer Art Ritual mit Geschenken (Zigaretten und Cocablättern) überhäufen in der Hoffnung, dass sie auch in der nächsten Woche wieder heil aus der Mine kommen und eine gute Ader finden. Ein bisschen vom 96%-igen Alkohol wird als Gabe verschüttet auf „Pachamama“, die Mutter Erde. Sie denken, wenn sie der Erde puren Alkohol geben, beschenkt diese sie mit purem Silber. Die restliche Flasche trinken die Mineros dann selber. Ein Stück weiter ist der Stollen nur noch ca. 1 m hoch und wir müssen gebückt laufen. Teilweise durch knöcheltiefes Wasser. Immer den Schienen entlang auf denen das Gestein in Trolleys nach draußen gebracht wird. Überall gibt es kleine Ausweichstellen, denn wenn die Trolleys in Bewegung sind, hält sie keiner mehr und man hört sie immer erst kurz bevor sie da sind. Dann kommt die erste Kletterstelle zum „Zweiten Level“. Nachdem unser Guide aber meint, dass es später noch enger wird und auch heißer, beschließt Florian seine Exit-Strategie umzusetzen (raus bevor die Panik einsetzt!) und mit einem Assistenten wieder nach draußen zu gehen. Julio begleitet ihn, was dank eines entgleisten Trolleys aber auch über 45 min dauert! Durch einen langen schmalen Gang geht es für die anderen insgesamt ca. 60 m nach unten. Ca. 150 m muss man fast auf dem Bauch robben, Lianes Wasserflasche auf dem Rücken streift am Fels. Es wird zunehmend heißer und die Luft stickiger. Die vor einem kletternden und robbenden Leute wirbeln zusätzlich Staub auf. Zum Glück haben wir die Masken. Allerdings wird damit das Atmen nicht gerade leichter! Unten angekommen machen wir eine kurze Erholungspause. Ohne die Helme hätten wir schon jetzt mehrere Beulen am Kopf! Dann geht es weiter und wir treffen die ersten Mineros, die gerade die Trolleys bereit machen zum Befüllen. Eine Trolleyladung wiegt ca. 1 Tonne. Alle haben dicke Coca-Backen, ohne das Coca könnten sie hier nicht arbeiten. Es „betäubt“ und vertreibt Hunger und Durst und lindert Schmerzen der körperlichen Arbeit. Die Ladung aus den Trolleys wird hier in große Säcke gefüllt (200 kg) und dann durch einen Schacht nach oben gezogen. Ronald fragt bei den Mineros nach, wie viele in ihrer Gruppe arbeiten, wie alt sie sind und wie lange schon in der Mine. Es sind 40 Leute, die meisten sind um die 20-30 Jahre alt und sie arbeiten im Schnitt wohl seit 10 Jahren in der Mine. Sie bekommen von uns Coca, Wasser und Dynamit-Päckchen. Wir laufen ein Stück weiter, wo eine Tür mit Schloss ist. Hier hat die Gruppe eine gute Ader entdeckt, Ronald zeigt uns im Schein der Taschenlampe, wie die Mineralien verschieden glitzern. Rot – Zink, Gelb – Zinn, Blau – Silber. Mittlerweile ist es so heiß, dass der Schweiß nur so rinnt. Wir ziehen unsere Jacken aus. Etwas besser, aber es hilft nicht viel. Wir sind mittlerweile schon mindestens 45 min ins Innere des Berges unterwegs. Über eine wackelige Leiter klettern wir nun ins ca. 40° C heiße „Level 3“. Hier treffen wir auf 5 vor Schweiß glänzende Mineros mit nacktem Oberkörper am arbeiten. An einer Winde wird hier ein Trolley nochmal ca. 20 m weiter nach unten ins „Level 4“ hinuntergelassen. Dort werden die verbliebenen Mineralien in mühsamer Handarbeit mit Hammer und Meißel aus dem Stein gehauen bzw. mit Dynamit herausgesprengt. Oben wird der Trolley dann ausgekippt und das Gestein wird mit Schaufeln weiter verteilt. Wir dürfen den Mineros „helfen“ und selber mal schaufeln. Während wir nach 20 Sekunden schon fast zusammenbrechen, arbeiten diese Männer hier bis zu 10 h am Tag. Unglaublich! Die Mineros bekommen Wasser, Saft und Coca von uns. Dann machen wir uns auf den Rückweg, raus aus der Mine. Dabei sehen wir noch, wie die Trolleys durch eine Schütte gefüllt und dann auf den Schienen von den Männern gezogen und geschoben werden. Ein Minero antwortet Ronald, dass er 45 Jahre alt ist und seit 25 Jahren in der Mine arbeitet. Zwei weitere Mineros, die wir treffen, sind 15 und 17 Jahre alt und arbeiten seit 3 Jahren in der Mine. Sie sehen ziemlich fertig aus, die Antworten sind sehr undeutlich, hauptsächlich durch die dicken Coca-Backen. Zunächst müssen wir den schmalen Gang wieder hochrobben und klettern. Als der Stollen wieder höher wird, müssen wir ab und zu Platz machen für die Trolleys. Nach ca. 2 ½ h in der Mine sind wir froh, wieder frische Luft atmen zu können! Ziemlich nachdenklich fahren wir zurück in die Stadt und geben unsere Schutzkleidung ab. Dieses Abenteuer hat doch ziemlich hungrig gemacht und wir futtern Hähnchen mit Pommes. Im Hostel angekommen heißt es erst einmal heiß duschen. Ganz weg kriegt man den Geruch aber auch nach 15 min duschen und dreimal einseifen nicht. Dann fallen wir total erschöpft in einen 2 h dauernden tiefen Mittagsschlaf. Der Rest des Tages besteht aus Nixtun…

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Nach dem anstrengenden Tag in der Mine lassen wir es heute ruhig angehen und schlendern etwas durch die Stadt. Die zahlreichen Kolonialgebäude Potosís wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Leider sind viele der alten Prachtbauten mittlerweile nicht mehr so prachtvoll, da kein Geld für Renovationen vorhanden war. Aber zum Teil kann man erahnen, wie es früher wohl mal ausgesehen haben muss. Liane hat mittlerweile einen ganz schönen Muskelkater von der Klettertour in der Mine und außerdem immer noch das Gefühl, tieeeeef Luft holen zu müssen und nicht genug Sauerstoff zu kriegen. Florian ist heiser und meint er hat „Schnappatmung“ wegen der dünnen Luft. Außerdem riechen wir immer noch nach Mine. Nach dem Stadtspaziergang ist wieder ein Mittagsschlaf fällig. Abends gibt’s nochmal Hähnchen vom Grill, danach kucken wir uns dann im DVD-Raum des Hostels noch einen Film über die Mineros an. Allerdings ist das eher eine mitgefilmte Minentour und ein paar Einblicke in das Leben eines Mineros dazugepackt…

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Nachdem wir ausgeschlafen haben, genießen wir das Frühstück und machen uns dann auf, die restlichen Gebäude und Kirchen anzukucken, die wir noch nicht gesehen haben. Am zentralen Plaza Mayo 25 startet gerade ein Umzug. Vorneweg eine Blaskapelle, dahinter Straßenarbeiter, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrieren. Und damit es sich auch lohnt, laufen noch zahlreiche Schulklassen in Uniform mit. Gegen Mittag gehen wir wieder ins Hostel zurück und machen uns mit dem Taxi auf zum Busterminal (7 km außerhalb der Stadt). Während der Fahrt fängt es tatsächlich ein bisschen an zu schneien!? Wir bekommen mit etwas Glück die letzten beiden Tickets für den 13:00 Uhr Bus nach Sucre.

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Hier das ganze Album:

Comments

  1. Also bei dem Bericht liefs mir jetzt eiskalt „de Buckel na“. Mensch Liane, du machst ja vor gar nix halt.. Bungee Jumping, Tauchen mit Haien, Platzangstminen..

    Grüßle Silvia

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